In: NZZ, 20./21.12.1997, S. 65–66.

Hartmut Böhme

Das Geheimnis


"Das Geheimnis", so schreibt so schreibt Georg Simmel in seiner "Soziologie" von 1906, "ist eine der größten Errungenschaften der Menschheit". Dem möchte man gern zustimmen, wenn man es denn glauben könnte. Spricht nicht alles dagegen?

Haben wir uns nicht, öffentlich und privat, der Transparenz verschrieben, der Aufklärung, dem Licht, dem rückhaltlosen Wissen und den wahrhaftigen Confessionen? Pflegen wir nicht einen Kult des Moralischen, das mit dem Offenbaren gleichgesetzt ist, einen Kult der Kontrolle, dem alles Geheimnishafte als lichtscheu gilt? Empören wir uns nicht, wenn wir auf Tabus und rituelle Schranken stoßen, auf Mauern der Unzugänglichkeit und des Verschwiegenen? Sind nicht alle unsere demokratischen Ideale dem Geheimnis entgegengesetzt? Haben wir nicht die Presse und die Medien erfunden, um den traditionellen Formen der Geheimpolitik ein Ende zu setzen? Haben wir nicht die Kommunikation mit allen ihren Finessen entwickelt, um die dunklen Ungleichheiten in den sozialen und privaten Beziehungen zu beseitigen? Hat der "Wille zum Wissen" (M. Foucault) nicht alle Regionen des Daseins bis in seine intimsten Winkel durchleuchtet? Überantworten wir nicht einen wachsenden Teil unseres Ich dem Computer und dem Internet, um auch weltweit für klare Verhältnisse zu sorgen? Ist nicht die propagierte Globalisierung eine Strategie erdumspannender Information, die kein Geheimnis mehr duldet?

Ist das Geheimnis eines Menschen heute nicht nur das Stigma seiner sozialen Bedeutungslosigkeit? Während ein Kandidat für den amerikanischen Senat gnadenlos bis ins dritte Glied durchleuchtet wird, weil er eine 'bedeutende' Rolle zu spielen beabsichtigt, so gehört umgekehrt jemand, über den keine exhaustive Datenmenge gesammelt wird, kaum mehr der Welt an. Vor 200 Jahren galt eher das Gegenteil. Je höher jemand in der ständischen Hierarchie stand, um so ausgedehnter war sein Privileg auf Geheimnis, also auf ein Handeln und Dasein, das vor keinen Richterstuhl der Öffentlichkeit zu ziehen war. Simmel verweist darauf, daß in manchen Schweizer Aristokratien die wichtigsten Ämter als "die Heimlichen", bedeutende Geschlechter als "die heimlichen Geschlechter" bezeichnet wurden. War also das Geheimnis nicht das Charakteristikum vormoderner Gesellschaft? Beruht der Vorsprung der Demokratien nicht darauf, mit der Beseitigung des Geheimnisses erst die Chancengleichheit für einen effektiven Wettstreit der Kräfte hergestellt zu haben?

Es scheint so, als habe Max Weber gegen Georg Simmel Recht behalten, wenn er von der "Erzauberung der Welt" in der Moderne spricht, davon, daß die geheimnishafte Welt des Religiösen säkularisiert und die arkanen Bezirke traditionaler Gesellschaft durch Demokratisierung und Bürokratisierung überwunden, nämlich rationalisiert wurden. Es scheint seither so, als habe es mit dem Geheimnis nicht mehr auf sich als mit den Heimlichkeiten des banalen Verrats in den Liebes- und Ehebeziehungen. Werden denn noch wirkliche Geheimnisse geschützt? Oder nur Informationen vorenthalten, taktische Lügen inszeniert, Interessen maskiert, Vorteile und Vorsprünge gewahrt im Wettstreit von Parteien, Unternehmen, Staaten, aber auch von Paaren, Freunden, Gruppen? Sind dies nicht alles die mal lächerlichen, mal schmutzigen Kehrseiten einer Gesellschaft, deren private wie politische Moral sich dem Panopticon verschrieben hat: der allseitigen Einsehbarkeit? Denn es gilt der kategorische Imperativ der Information, der den Kern dessen darstellt, worauf man sich heute so viel einbildet: mitten im Sprung in die Informationsgesellschaft zu sein. Das Geheimnis ist die Hülle der Vergangenheit, aus der wir je schneller je besser fahren sollten.

All dies stimmt und stimmt nicht. Max Weber hat nicht mehr Recht als Georg Simmel. Es gilt, diesen Widerspruch zu verstehen: die moderne Gesellschaft beseitigt und bekämpft die Geheimnisse ebenso radikal, wie sie zugleich neue Geheimnisse erzeugt, verwahrt und vervielfältigt, weil ... ja, weil die Moderne ohne Geheimnis nicht bestehen könnte. Dieser Widerspruch ist der Regel geschuldet, deren Entdecker Georg Simmel ist: Gesellschaften wie Einzelne könnten ohne ein Set von Geheimnissen nicht einmal überleben, ja, das Geheimnis wächst proportional mit zunehmender Ausdifferenzierung und Aufklärung in der Moderne. Es ist eine der großen Selbsttäuschungen unserer Gesellschaft, daß sie, auf Information und Aufklärung, auf Kommunikationstechniken und Massenmedien setzend, Geheimnisse aufzulösen glaubt; sie erzeugt Geheimnisse im selben Maße, wie sie diese beseitigt.

Die Wissenschaften sind nicht unschuldig, daß wir dafür so wenig Bewußtsein haben. Die Wirkungslosigkeit von Simmels großem Kapitel über das Geheimnis ist ein Symptom. Er hat das Geheimnis als bedeutendes Feld der Soziologie bestimmt. Diese aber ist, wie man unlängst bemerkt hat, eine "Tageswissenschaft" wie beinahe alle anderen Wissenschaften auch. Das Wissen, das sie erarbeiten, gilt für die Tageswirklichkeit: die Nacht dagegen ist den Forschern stumm. In ihr verschwimmen die Gegenstände wie sie im Geheimnis untertauchen. Das gilt real und systematisch. Real: die Zeit der Nacht ist ebenso wenig wie das Geheimnis ein Gegenstand der Forschung. Systematisch: ein Wissenstyp, der sich dem Licht verschrieben hat, müßte sich, wenn es um das Erkennen des Dunklen geht, selbst ändern. Denn die Fackel der Aufklärung ins Dunkle zu bringen, erkennt dieses nicht, sondern vertreibt es nur. Wir ahnen kaum, was das Wissen des Dunklen sein könnte, weil wir Wissen mit Licht identifiziert haben. Wenn alles Geheimnis aus beabsichtigtem oder unwillkürlichem Dunkel besteht, würde jede Aufklärung, die das Geheimnis beleuchtet oder enthüllt, immer nur das am Geheimnis 'entdecken', was ihr so entgegengesetzt wäre wie das Verbrechen dem Detektiv. Das Geheimnis ist aber nicht der Gegensatz zur Aufklärung, sondern ihr Anderes. Das Dunkle ist nicht die Abwesenheit des Lichtes, sondern eine andere Wesenheit und Qualität. Für das Geheimnis heißt das: um es zu erkennen, benötigen wir eine Form des Wissens, das das Geheimnis im Akt des Erkennens anerkennt und wahrt, aber nicht beseitigt. Denn das Tageswissen ist immer dort, wo das Geheimnis gerade nicht ist. Und rückt das Wissen in das Geheimnis ein, ist dieses schon wieder fort. Die große Frage ist: kann es ein Wissen der Nacht und des Geheimnisses geben, worin diese zugleich begriffen und gewahrt, erklärt und anerkannt werden? Diese Frage ist keineswegs müßig, sondern notwendig.

Wie notwendig sie ist, macht ein Gedankenexperiment deutlich: denken wir uns eine Gesellschaft, in der (wie in vielen Utopien) jedes Geheimnis verbannt wäre; denken wir uns ein wissenschaftliches Universum, in welchem es kein Geheimnis mehr gäbe; denken wir uns eine Liebe, in der die Liebenden sich wechselseitig kein Geheimnis wären; denken wir uns die Künste, die nicht mehr über den Zauber und die Magie des Unerklärlichen verfügten; denken wir uns ein Leben in schattenloser Ausleuchtung; denken wir uns die vielen Kulturen ohne ein Verhältnis der Fremdheit zueinander; es wäre ein Himmelreich aus Licht, schlimmer als der fuchtbarste Alptraum. Es wäre der absolute Staat. Es wäre die Wüste der Langeweile. Es wäre der augenblickliche Verlust aller Spannkraft. Es wäre eine Welt ohne Liebe, ohne Eros, ohne den Zauber der Attraktion. Es wäre Terror. Es wäre das Wissen als lückenloses Gefängnis. Es wäre Folter wie schattenloses Licht Folter ist. Wir benötigen zum Leben das Dunkel und die Nacht so elementar wie das Geheimnis das Leben erst lebenswert macht.

Kein Jahrhundert hat diese Wahrheit in grauenhafteren Experimenten erpreßt als das unsrige. Auschwitz ist auch der Name dafür, daß das Höchstmaß an rationaler Organisation mit einem Höchstmaß eines durch keine Erklärung zu mildernden Entsetzens verbunden sein kann. Es gehörte zu den perfiden und zugleich logischen Strategien der Lager, die Massenmorde dadurch zu ermöglichen, daß die Personhaftigkeit der Opfer, die an ihrem Geheimnis haftet, rückstandslos aufgelöst wurde, bis aus Menschen bloßes 'Zeug' wurde, das man beseitigte. Auf der ganzen Welt beruht die Folter darauf, daß man den Opfern ihr Geheimnis nicht entreißt als das für den Staat relevante Wissen, sondern als die Sphäre ihrer Integrität. Die Folter zerstört mit dem Geheimnis der Person eben diese selbst.

Zurecht hat Simmel betont, daß es in traditionalen Gesellschaften nur wenige Zonen des Geheimnishaften gab. Es bezog sich auf die Herrschaftseliten und die Sphäre des Heiligen. Traditionale Eliten bildeten Techniken des Geheimen aus, die ihre Privilegien und Herrschaft erhielten. Solche Strategien reichten von der Kryptographie bis zu den Geheimordren der Könige, von der Aura der Ehre, mit welcher der Adel sich umgab und womit er seine Unberührbarkeit sicherte, bis zum Nimbus, womit die weltliche Herrschaft sich architektural wie zeremoniell in Szene setzte. Gerade die Prachtentfaltung diente als die geheimnisvolle Erscheinungsform dessen, was sich prinzipiell entzog, obwohl es allen in die Augen fiel. Für die große Menge der Agrargesellschaft war das Netz der sozialen Kontrolle zu dicht, um Freiheiten des Geheimnishaften zu erlauben. Denn sozial gesehen ist das Geheimnis eine Funktion der Freiheit. Für die Unfreien der antiken und mittelalterlichen Gesellschaften war das Geheimnis nie das eigene Geheimnis, sondern dasjenige der anderen, zumal der Höheren. Für die Unfreien war die Welt als Ganze, das Sternenzelt wie die weite Natur, angefüllt von willkürlichen Kräften und dunklen Energien, ein Rätsel ohne Auflösung, aber kein Geheimnis. Denn das Geheimnis ist nicht ein Effekt des Nicht-Wissens, sondern bildet sich immer erst auf der Höhe des Wissens und trotz seiner. Zu wenig wissen, heißt immer auch, nichts um das Geheimnis zu wissen.

Das religiöse Geheimnis hatte zwar immer auch eine exoterische Seite, nämlich die Experten und Priester, welche das heilige Arkanum verwalteten. Religiöse Riten unterscheiden sich darin nicht von Herrschaftstechniken, daß sie Zonen des symbolisch wie real Unberührbaren schaffen, das gerade deswegen wirkungsvoll ist. Doch der Kern des Religiösen ist das Geheimnis, so viel man auch wissen mag. Zweifellos ist dies eine der großen Erfindungen des Menschengattung, die Geheimnisse zu schaffen und zu wahren verstand, die um nichts in der Welt aufzulösen sind. Vielleicht ist das Bilderverbot der jüdischen Religion und das unsichtbare "Niederlegen" des Namens Gottes an der Stelle, an welcher in anderen Kulten das Verehrungsbild stand, diejenige Form, mit welcher das ungeheuerliche Geheimnis ausgedrückt wurde, daß ein Gott sei und nicht etwa keiner oder viele. Zum ersten Mal wurde bewußt, daß das Wissen, das die Menschen von Gott haben, und das Wissen, das Gott von den Menschen haben mag, in einem Verhältnis der wechselseitigen Verborgenheit stehen. Offenbarung setzt Geheimnis voraus und dieses verlöscht mit einer Offenbarung, die vollständig wäre. Dies bedeutete das Ende der Welt, mithin das absolute Heraustreten Gottes aus seinem Geheimnis. Das Neue Jerusalem ist so geheimnislos wie das Reich Gottes: das Ende allen Glaubens.

In der Welt haben deswegen Theologen und Priester, jedweder Religion, dafür gesorgt, daß das Geheimnis in einem abgestimmten Verhältnis zur Offenbarung verbleibt. Das Christentum hat diese schwierige Balance in eine paradoxale Enge getrieben, wenn der Mensch Jesus Gott inkarniert, also aus sich heraustreten läßt, einen Gott, der dennoch der verborgene bleibt. Das ist eine Präsenz, die absolutes Geheimnis ist. Umgekehrt ist die Transsubstantiation in der Eucharistie eine Vergegenwärtigung des Gekreuzigten, der dennoch als solcher niemals nur anwesend, sondern im Geheimnis ist, also anwesend abwesend. Von dieser paradoxen Form des Geheimnisses, das sich zu spüren gibt, indem es sich im Spüren wieder entzieht, lebt die gesamte Choreographie der Liturgien, der Bilder- und Reliquienkulte, der Verehrung von kostbaren Gewändern und Statuen, deren wunderwirksame Evidenz nach Jahrhunderten der Worttheologie und Bilderfeindlichkeit das Christentum zu überfluten begann. Frömmigkeitsbewegungen, Schrifttheologen, Protestanten aller Art haben immer wieder das Geheimnis Gottes 'reinigen', nämlich jenseits der sinnlichen Sphäre situieren wollen. Sie haben jedoch die wesenhafte Theatralität des Geheimnisses nicht verstanden. Wenn Gott das offenbare Geheimnis ist, also die paradoxale Form schlechthin, bedarf er der sinnlichen Materialität, in der er, sich entziehend, dennoch in Szene tritt.

Denn Geheimnis ist nichts, was man sagen kann, sondern was sich einem auratischen Spüren kundtut. Das aussprechbare Geheimnis ist nur das Geheimgehaltene. Das Unaussprechliche, das dennoch anwesend ist, bedarf der Darstellung, und zwar einer solchen, die sich den 'magischen Kanälen' unserer Sinne öffnet. Die Sprache kann nur dann zum Träger des Geheimnisses werden, wenn sie zur magischen Vergegenwärtigung, also: zur Kunst wird, zum Bestandteil einer rituellen Szene. Theologie mag Wissenschaft des Gotteswortes sein, also Semantik. Religion jedoch ist immer mehr als Semantik, wie Geheimnis mehr ist als das von ihm Sagbare. Das Heilige, Kern der Religionen, ist das wirkungsvolle Geheimnis eines Außermenschlichen, das im Geheimnis seine Darstellung findet und sich zu spüren gibt. Ohne dies gäbe es keine Religion.

Die Moderne ist gegen die Geheimnisse der Religion wie der Herrschaftseliten angetreten. Die Aufklärung kam über das Arkane wie ein Sturm; es sollte hinweggefegt werden. Mehr als uns lieb sein kann, ist dies gelungen. Es trat ein, was man schon im 19. Jahrhundert als die "Prosa der Verhältnisse" beklagte. Natürlich kam auch die aufgeklärte Gesellschaft ohne die Schaffung von Geheimnissen nicht aus. Die rationalisierte Verwaltung führt Stufen der Geheimhaltung von bürokratischen Vorgängen ein. Das Militär schuf immer größere Zonen des Geheimen, wogegen die gegnerischen Mächte immer raffiniertere Formen der Enttarnung erfanden: die Geheimdienste. Es herrschte der lautlose Krieg um Geheimnisse. Nicht nur die totalitären, sondern auch die demokratischen Regierungen umgaben sich mit Cordons der Abschirmung. Der moderne Betrieb, Inbegriff rationaler Organisation, erfand sofort das Betriebsgeheimnis und schon blühte die Betriebsspionage. Die Zonen der Verrechtlichung wurden immer umfassender, doch wuchsen zugleich die dunklen Unterwelten des Verbrechens. Das 19. Jahrhundert erfand mit der Detektivgeschichte geradezu die Allegorie seiner selbst: das ewige Spiel von Enthüllen und Aufdecken, bei dem jedes 'aufgeklärte' Verbrechen aus dem Dunkel heraus von einer neuen Tat gekontert wurde. Das gleiche gilt vom Sex: man zitterte von den dunklen Geheimnissen des Triebs und bot mit der Sexualwissenschaft eine Kontrollinstanz auf, die freilich den Sex in eine bisher unbekannte polymorphe Verzweigung und die düstere Topographie der Schlupfwinkel zwang. Verbrechen und Sex, und schließlich die Obsessionen der Phantasie, deren geheimes Räderwerk in der Analyse des Unbewußten entziffert werden sollte, bildeten die geheime Unterwelt der bürgerlichen Gesellschaft in selben Maß, wie diese immer erfolgreicher eine wissenschaftlich-technische Tageswelt schuf. Man hatte die 'großen', institutionellen Geheimnisse von Herrschaft und das Arkanum von Religion liquidiert, und wurde unversehens von den petites forçes des frei flottierenden Geheimnisses heimgesucht wie von Partisanen. Ja, es entstanden Berufsstände, deren Aufgabe in nichts anderem bestand, als partisanenhaft im Inneren der aufgeklärten Gesellschaft Zonen des Geheimnisses zu schaffen: Inneneinrichter entwarfen das heute kaum mehr begreifliche Interieur wie eine prunkvolle Höhle, in die man einstieg als in die Geheimzone des Privaten; Modemacher schufen endlose Faltungen und Oberflächen, hybride Formen und tief gestaffelte Stoffschichtungen, unter denen der nackte weibliche Körper wie ein unbeschreibliches Geheimnis verborgen wurde; und die Künste insgesamt traten in den Dienst der Wiederverzauberung der Welt.

Denn es bestand und besteht eine Sehnsucht nach Zauber und Zwielicht, nach rätselhafter Ausstrahlung und unlösbarem Geheimnis. Je selbstreflexiver die Moderne wurde, um so mehr wuchs das Bewußtsein, daß es die Modernisierung selbst ist, die das Geheimnis vergrößerte. Die Individualisierung, welche die Moderne hervorbrachte und verallgemeinerte, erkennen wir als die Form, durch welche das Geheimnis der Person geradezu zur Voraussetzung von Identitätsbildung, zum Antrieb aber auch der Zirkulation des Begehrens und der Waren, der massenmedialen Idole und der wuchernden Kulte wurde. Nach dem Ende der politischen und theoretischen Orthodoxien und mit dem Eintritt in die Postmoderne haben wir gelernt, daß es die geheimniswahrenden Mechanismen der Gesellschaft sind, welche die wirksamsten sozialen Bindemittel erzeugen und nicht etwa die rationale Arbeitsorganisation und die formale Demokratie. Diese bieten nämlich nicht die Attraktion und sinnliche Evidenz, die Spannung und die Erregung, welche das elementare Gefühl zu existieren erleben lassen.

Was für ein gewaltiges Gemisch von quasi-religiösen, massenmedialen und auch manipulativen Geheimnissen umgibt uns: vom Fan-Club bis zum Hollywood-Idol, von Fetisch-Kulten bis zur Internet-Gnosis, vom cross-dressing in den Discos bis zur Haute Couture in den Mode-Metropolen, von den Kult-Figuren der popular culture bis zur idolatrischen Memorial-Architektur rund um die Mall in Washington, vom Personenkult in der Sowjetunion bis zu den Ritualpraktiken der Neuen Religiosität. Wir ahnen, daß die sozialen und symbolischen Bindekräfte der Moderne am Geheimnsvollen und Zaubrigen haften, das eben diese Moderne als irrational abgetan hatte.

Nach den Erfahrungen mit der politischen Instrumentalisierung des Geheimnisses und seiner kulturindustriellen Ausbeutung können wir nicht mehr sicher sein: setzt sich die Moderne noch in den Kontrapunkten ihrer selbst fort, oder bedienen sich umgekehrt die alten Kult- und Geheimnisformen eben der Moderne zu ihrer umso mächtigeren Durchsetzung? Nichts scheint falscher zu sein als die Webersche These von der Entzauberung der Welt. Die Entzauberung im Namen der Rationalität hat zu einem gewaltigen, kaum kontrollierbaren, doch wirkungsvollen Schub der Wiederverzauberung geführt. Die Renaissance des Geheimnisses liegt bereits hinter uns, doch haben wir ihren Zusammenhang mit der Verwissenschaftlichung und Technisierung aller Lebensbereiche nicht verstanden. Vereinfacht gesprochen geht es darum, daß Kult- und Geheimnisformen (aller Art) die Bildung von 'Gemeinschaftskörpern' erlauben; genau dazu sind die aufgeklärten und demokratischen Vergesellschaftungsformen kaum in der Lage. Es sind diese 'Gemeinschaftskörper', welche für die Menschen die Plausibilität erzeugen, hier und jetzt in dieser Gesellschaft leben zu wollen und können. Es geht deshalb um die Suche nach einer Kultur, welche Kult und Demokratie, Geheimnis und Aufklärung, Aura und Logik vereinbarbar macht.

Die Riskanz dieses großen Experiments, in welchem wir mitten inne sind, besteht aber darin: Demokratie bedarf der Kulte, diese aber bedürfen nicht der Demokratie. Diese Asymmetrie hat noch keine Theorie der Aufklärung tolerieren können. Wenn wir jedoch keine Kultur entwickeln, welche Geheimnis und Demokratie zu vermitteln versteht, sinkt die Aussicht auf dauerhaften Erhalt der demokratischen Institutionen. Diese haben eine Chance nur in dem Maß, wie sie das Geheimnis eines jeden Lebewesens als Bedingung seiner Integrität zu wahren vermögen. Denn Geheimnis ist ein Menschenrecht. Aus ihm ein bloßes Spiel der Massenmedien zu machen, ist für die demokratische Entwicklung nicht weniger gefährlich als die Zerstörung des Geheimnisses in der Folter. Um willen ihrer selbst bedarf die Aufklärung eines vermittelten Verhältnisses zu ihrem Anderen, das als Geheimnis niemals in Aufklärung aufgehen kann, ohne daß diese selbst untergeht. Nicht ist das Geheimnis das schlechte Vergangene, sondern in ihm liegt die Zukunft dessen, was als Licht aus ihm hervorgeht.

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