Hartmut Böhme

Kulturwissenschaft.

1. Kulturwissenschaften und Kulturwissenschaft

Mit 'Kulturwissenschaft' werden heute sehr verschiedene Vorstellungen und Konzepte verbunden, die vom jeweiligen Kulturbegriff oder von den wissenschaftstheoretischen und -politischen Positionen abhängen. Im Plural verwendet bezeichnen Kulturwissenschaften zumeist das Ensemble der Fächer der Philosophischen Fakultät; oder der Terminus wird synonym für die Geisteswissenschaften verwendet und meint dann deren Modernisierung. Davon ist die im Singular gebrauchte Kulturwissenschaft zu unterscheiden, die ein Einzelfach bezeichnet, das eine eigene disziplinäre Identität mit charakteristischen theoretischen Optionen, Fragestellungen und methodischen Verfahren sowie ein eigenes Gegenstandsfeld aufweist. Die Einzeldisziplin Kulturwissenschaft ist noch im Aufbau, doch kann sie dabei auf internationale Entwicklungen wie auf ältere deutsche Traditionen zurückgreifen. Eine solche Kulturwissenschaft ist terminologisch zu trennen vom pluralistischen Dach- oder Rahmenbegriff, der namenspolitisch an die Stelle der Geisteswissenschaft tritt.

'Kulturwissenschaften' befassen sich "mit Kultur als dem Inbegriff aller menschlichen Arbeit und Lebensformen, einschließlich naturwissenschaftlicher Entwicklungen" und beschreiben, analysieren, deuten und erklären mithin "die kulturelle Form der Welt" (Frühwald u.a. 1991, 10). Dieser extrem weite und entsprechend kaum trennscharfe Ensemble-Begriff ist indes wissenschaftspolitisch bedeutsam. Er dient dem Ziel, die Fächer der philosophischen Fakultät aus der geistphilosophischen Tradition vor allem deutscher Prägung zu lösen. In ihr wurden (vor allem hoch-)kulturelle Gegenstände als Objektivationen des Geistes im sprachzentrierten Modell philologisch-hermeneutisch ausgelegt und in einen evolutionären Prozeß der Selbstentfaltung des Geistes positioniert. Diese Tradition wird mit dem Namen Wilhelm Dilthey verbunden (z.B. Dilthey 1910/1970). Als Reaktion auf Historismus und Positivismus ist sie ein Spätprodukt des 19. Jahrhunderts, eine Fusion Hegelianischer Geschichtsmetaphysik und historischer Hermeneutik, wie sie in der sog. geisteswissenschaftliche Wende der Philosophischen Fakultät im ersten Jahrhundertdrittel beherrschend wurde und als deren Rahmen die Fächer bis heute bestimmt. Das seit etwa 1980 mobilisierte Konzept der Kulturwissenschaften hingegen streift diese geistphilosophischen Implikationen ab, indem das kulturelle Gegenstände im allgemeinsten Sinn als (materielle und symbolische) Praktiken ÷ und nicht als Geistzeugnisse ÷ bestimmt werden. Dadurch wird die Möglichkeit geschaffen, nicht nur schrift- und bildhermeneutische, sondern ebenso faktographische, struktur- und sozialgeschichtliche, funktionalistische und systemische Verfahren zu etablieren. Diese Umbenennung der Geisteswissenschaften vollzieht 1) methodologische Entwicklungen und Ausdifferenzierungen der Einzeldisziplinen nach, schließt 2) die Fächer der Philosophischen Fakultät an die faktische Internationalisierung des Wissenschaftsprozesses an (Beendigung des deutschen Sonderwegs der Geisteswissenschaften) und versucht 3) dringliche Modernisierungen der Fächer zu begünstigen, welche sich als Herausforderungen aus dem gesellschaftlichen Wandel insgesamt, besonders aber aus Prozessen der Globalisierung und Interkulturalität, der Medien- und Kommunikationsentwicklung sowie der Informations- und Wissenskulturen ergeben haben. Neben dem Begriff Kulturwissenschaften wird auch der (semantisch etwas engere) Terminus Humanwissenschaften benutzt, der stärker an die 'humanities' im angloamerikanischen Raum anschließt (die historisch allerdings oft auf Ideen W. v. Humboldts zurückgehen).

Kulturwissenschaft im Singular beansprucht keine Leitfunktion, sondern gehört als Einzelmoment in den Prozeß der Transformation der Geisteswissenschaften hinein. In den letzten 15 Jahren sind in Deutschland, seit 1989 auch unter Anknüpfung an entsprechende Einrichtungen der ehemaligen DDR, teilweise sehr erfolgreiche Versuche unternommen worden, Kulturwissenschaft als Forschungsparadigma, als Einzelwissenschaft oder als Studiengang zu etablieren. Auch unter 'Kulturwissenschaft' im Singular verbirgt sich ein heterogenes Feld vielfacher Ansätze mit deutlichen lokalen und wissenschaftstheoretischen Unterschieden. Die Reformversuche reichen von außeruniversitären Forschungsinstituten, drittmittelgeförderten Forschungsschwerpunkten oder postgradualen Zusammenschlüssen über die Einrichtung von grundständigen Magisterstudiengängen mit anspruchsvoller theoretischer Grundlegung bis zu berufsbezogenen Begleitangeboten oder Nebenfächern oder Diplomstudiengängen für Kulturmanagement. Davon interessieren hier nur solche Entwicklungen, die wissenschaftsgeschichtlich und theoretisch den Versuch unternehmen, Kulturwissenschaft als neues Fach mit unterscheidbarer disziplinärer Identität zu begründen. Dabei ist für die gegenwärtige Wissenschaftsentwicklung charakteristisch, daß 1) an der theoretischen Begründung der Kulturwissenschaft eine Reihe von anderen Fächern beteiligt sind ÷ wie die Germanistik, Philosophie, Ethnologie, Historie, Kunstgeschichte u.a. ÷ und 2) auf materialer Ebene wichtige kulturwissenschaftliche Forschung ebenfalls nicht aus dem kaum etablierten Fach hervorgehen. Zu denken ist hier in die zunehmende Zahl grenzgängerischer Arbeiten in Nachbarfächern oder aus internationalen Zusammenhängen (Annales-Schule, angloamerikanische Cultural Studies, Cultural Anthropology, Visual and Performance Studies, New Historicism, Poststrukturalismus, Dekonstruktivismus u.a.).

2. Historische Semantik und Wissenschaftsgeschichte.

Kulturwissenschaft kann sich weder disziplinär noch forschungsstrategisch begründen ohne Rückgriffe auf die Wissenschaftsgeschichte (insbesondere der Kulturwissenschaft zwischen 1870 und 1933) sowie auf die protowissenschaftlichen Formen der Kulturreflexion und Kulturkritik seit der Antike, insbesondere aber seit der Aufklärung. Dabei geht es auch um die Frage, wie der Gegenstand ÷ die Kultur/en ÷ bestimmt werden kann. Die Kulturwissenschaft hat in diesem Feld der Fachdefinition und der Terminologien Teil an dem allgemeinen Prozeß, wonach die Kulturwissenschaften (im Plural) sich nicht mehr (oder nicht nur) transzendental-konstruktivistisch begründen können, sondern ihre Identität wissenschaftsgeschichtlich gewinnen und sogar als ein Moment des von ihnen bearbeiteten Gegenstandes, des Kulturprozesses nämlich, reflektieren müssen. Die Kultur ist das Objekt einer Wissenschaft, die ihrerseits ein Teil desselben ist. Hieraus entspringt die heute unhintergehbare Figur der Selbstreflexivität ÷ in der hier charakteristischen Form, wonach die Kultur zum einen die von theoretischen Vorannahmen her konstruierte Objektebene ist und zugleich die letzte Metaebene, innerhalb derer sich die Kulturwissenschaft(en) bestimmen. Dies liegt daran, daß 'Wissen' als Moment umfassender Wissenskulturen erkannt wurde, weshalb Wissenschaftsgeschichte in diesem Sinn für alle Fächer der Philosophischen Fakultät grundlegend ist.

Die Wissenschaft der Kultur beruht auch auf der historischen Semantik dessen, was in unterschiedlichen Gesellschaften und Epochen unter 'Kultur' verstanden wurde. Zwar geht Kulturwissenschaft nicht in historischer Semantik und Begriffsgeschichte auf. Weil aber der Terminus 'Kultur' die vergangenen und gegenwärtigen Momente der Selbstauslegung von Gesellschaften enthält, eignet sich die historische Semantik zugleich als Einführung in die autoreflexiven Momente der Kulturwissenschaft, welche, wie auch die traditionellen Geisteswissenschaften, eine auf Dauer gestellte, also institutionalisierte und charakteristisch moderne Form der Selbstreflexion der Gesellschaft darstellt. So nimmt die Kulturwissenschaft die semantischen Potentiale des Kulturbegriffs ebenso auf wie die historischen Spuren der protowissenschaftlichen Kulturkritik. Dies unterscheidet die Kulturwissenschaft, jedenfalls in ihrer gegenwärtigen Phase, von den etablierten Geisteswissenschaften, die aufgrund ihrer hohen Spezialisierung den Kontakt zu jener Tradition weitgehend verloren haben, die R. Koselleck (1973) als den für die Moderne charakteristischen Zusammenhang von "Kritik und Krise" beschrieben hat.

3. Griechische und römische Zeit

'Kultur' enthält die lateinischen Wurzeln von colere, cultus, cultor, cultura, colonia etc. Gemeint sind damit solche (zunächst agrikulturellen) Einrichtungen, Handlungen, Prozesse und symbolischen Formen, welche mithilfe von planmäßigen Techniken die 'vorfindliche Natur' in einen sozialen Lebensraum transformieren, diesen erhalten und meliorisieren, die dazu erforderlichen Fertigkeiten (Kulturtechniken, Wissen) hochhalten, pflegen und entwickeln, sowie das dabei Hochgeschätzte (die Wertebene) in eigens ausdifferenzierten Riten begehen und befestigen (Religion, Feste, Pädagogik...) sowie soziale Ordnungen und kommunikative Symbolwelten schaffen, welche kommunitären Gebilden im Ganzen wie den Einzelnen eine durative Stabilität verschaffen. (J. Niedermann 1941, W. Perpeet 1976, H. Böhme 1996)

Diesem semantischen Grundriß von cultura liegt die griechische Differenzierung dessen zugrunde, was von sich aus da ist und sich erhält (physis), von dem, was durch 'technische' Investition sein Dasein verdankt (techné). Es ist dies die Dichotomie von 'Natur' und 'Kultur', die als Denkmuster bis heute lebendig geblieben ist. Dabei bleibt schon in der antiken Kultur ambivalent, ob 'Natur' dabei dasjenige ist, was von sich aus Ordnung zeigt und darum ein 'Vorbild' kultureller, auf die kosmische Natur mimetisch bezogener Anstrengung abgibt (wie es Platon und die Stoiker sehen), oder ob die Natur das Chaotische, Wechselhafte, Ordnung nur zufällig Emergierende darstellt (wie es Hesiod, die Atomisten oder die Epikureer sehen). Kulturtheoretisch jedenfalls ist relevant, daß 'Kultur' ein kommuner und gemeinschaftsstiftender Ordnungsmechanismus ist, der räumliche Ständigkeit und zeitliche Stetigkeit zu sichern eingerichtet ist: dies ist das zugleich produktive wie konservative Moment von 'Kultur'. Ihr entgegengesetzt ist das Chaos, die Wildnis, das Unstete und Unständige, das Ephemere, das Herkunfts- und Gedächtnislose, das Ungebildete und Unbebaute, das Ungehörige und Unzugehörige (Fremde). An diesen Negativa erkennt man die Positiva, welche 'Kultur' ausmachen. Für die antiken wie christlichen Gesellschaften ist der Kultur das 'Barbarische' entgegengesetzt, von welchem durch (innere wie äußere) 'Grenzen' getrennt zu sein, einen konstitutiven Akt von Kultivierung darstellt (M. Schneider 1997). Bezogen auf die materielle Welt hat Plinius d.Ä. diesen Gegensatz als den von terrenus (zum Erdreich gehörig, irden, auf und in der Erde Befindliches) und factitius (künstlich Hergestelltes) bestimmt ÷ in einem wertneutralen, analytischen, technisch-merkantilen Sinn. Plinius benötigt beide Seiten für die "Historia Naturalis" (77 n.Chr.), einem Grundbuch dessen, was als materiale Aufgabe der Kulturwissenschaft gelten kann. Den Gegensatz werthierarchisch oder analytisch zu verwenden, entschied damals und entscheidet noch heute darüber, ob Natur und Kultur als Sphären objektiven Wissens oder als Quellen wertbezogener Kritik verstanden werden ÷ letzteres in der doppelten Richtung: Kritik der (inneren oder äußeren) Natur als bedrohliches Chaos vom Standpunkt höherwertiger, ordnungserzeugender Kultur; oder Kritik der Kultur als anomisch, dekadent, ungerecht, repressiv in Namen einer als harmonisch, geordnet, frei angenommenen Natur.

Diese Muster wurden bereits in der Antike ausgebildet und präformieren die spätere Kulturkritik. Mit Hekataios von Milet (6./5. Jh.) und dem pater historiae Herodot (ca. 484-ca. 430) finden wir frühe Formen einer für die Pluralität der kulturellen Ordnungen sensiblen Historiographie. Mit Hesiod triitt schon zuvor (um 700 v. Chr.) der Typus auf, der einerseits die Rhythmik und Praktik der agrikulturellen Ordnung (Werke und Tage) und die symbolische Welt der Götter und der Werte (Theogonie) zu erfassen sucht, andererseits aber mit der Weltzeitalter-Lehre (Dekadenz vom Goldenen zum Eisernen Zeitalter) ein Denkmuster prägt, das die Geschichte verfallstheoretisch konstruiert. Ferner entwickelt die Antike, als Moment der Selbstreflexion, auch grundlegenden Formen der Kulturkritik ÷ an religiösen und sozialen Gebräuchen (wie z.B. Opfer oder Luxus), an sprachlichen und ästhetischen Manipulationen (z.B. Rhetorik, Kunstkritik), an ungerechten Zuständen des Staates (z.B. Gesetzesbruch, Bestechung, Bereicherung, Kriminalität der Eliten) und sittenlosen Zuständen der Gesellschaft (Moralkritik).

Auch im lateinischen Sprachraum wird cultura der barbaria entgegengestellt. Über die Agrikultur hinaus, die als "Ausdruck höherer Kultur" (Niedermann) gewertet wird, erweitert sich das semantische Feld auch auf die persönliche Kultur von Individuen oder die Kultur von Zeiten oder Gemeinschaften. Die später wirkungsvolle Formel von cultura animi (philosophia est) kommt so nur einmal bei Cicero vor (Tusc. lib. II. V, Ą 13), findet sich der Sache nach jedoch öfters, meist in der Kombination mit dem Verb excolere (verbessern, höher bilden, ausschmücken), das bereits mit humanitas verbunden wird und sich auf dasselbe bezieht, was bei den Griechen paideia bezeichnete: die Pflege und das Gepflegte des geistigen Menschen, d.h. beides: das aktive Prozessuale, Hervorbringende und sein Ergebnis. Damit ist neben 'Kultur' als "Sachkultur" bereits das Verständnis als "Kultur der Persönlichkeit" entwickelt. Ersteres meint neben Landbau auch Städtebau, Recht, Lebensbequemlichkeiten; letzteres Moralität, Sitten, milde Gesinnung, Lebensart, Gepflegtheit, Ehrfurcht i.S. v. Bildung. Beides bezeichnet Sphären, durch die der Mensch sich von Tieren wie Barbaren unterscheidet und die den Aufbau von societas ermöglichen. Doch bleibt der Zusammenhang mit Agrikultur bis ins 18. Jahrhundert erhalten, so spricht z. B. Francis Bacon von georgica animi, Voltaire davon, daß la culture produit des fruits divers. Gewissermaßen wurde der cultura-Begriff von der 'Bearbeitung der äußeren Natur' auf diejenige der 'inneren Natur' übertragen. Verwandte Begriffe sind civilitas (Zivilisiertheit als dasjenige, was sich auf den Bürger bezieht und was ihm ziemt), urbanitas (das Gehaben des Stadtbürgers), humanitas (der kultivierte Status des Gebildeten; vgl. Niedermann, Perpeet))

4. Vom Christentum zur Aufklärung.

Das Christentum übernahm innerhalb eines theologischen Kontrollrahmens diese Momente früher 'Kulturkritik' und gab ihnen teilweise neue Impulse. Dazu gehört insbesondere das für Handschriftenkulturen mit kanonisierten Textkorpora charakteristische Moment der Schrifthermeneutik, die sich als Expertenkultur scharf von den illiteraten Formen einer jahrhundertelangen, teilweise noch paganen Volkskultur oder von oralen, laizistischen Frömmigkeitsbewegungen absetzte. Diese normative Trennung von Experten- und Laienkultur beherrscht bei wechselnden Werthorizonten das Denken über Kultur bis weit ins 20. Jahrhundert.

Traditionelle verfallsgeschichtliche Formen der Moralkritik der Antike konnten mit dem heilsgeschichtlichen Urteil über einen verdorbenen Weltzustand (der die natura lapsa einschloß) verbunden werden.

Die christliche Idolenlehre sowie die von altisraelitischen Überlieferungen getragene Kritik am Bilderkult stellte ein Fundament dar, auf das auch jenseits theologischer Geltungsansprüche die profanen Formen der Kritik an Ideologien, Vorurteilen, Medienmacht- und Bildmacht bauen konnten (hieran schließt sich F. Bacon Idolen-Lehre als frühe Form der Stereotypen-Forschung). Bis heute bedient sich die Medien- und Ideologiekritik der Instrumentarien, welche im Kampf gegen die Idolatrie entwickelt wurden. Wohingegen das im Zeichen des sola-scriptura-Prinzips stehende Primat der Schrift jene antiken Formen einer sprachzentrierten Auffassung von Rationalität fortschrieb, welche den Rahmen einer hegemonial operierenden Kulturauffassung gerade auch gegenüber den kolonisierten Völkern darstellte. Diese wurden aufgrund ihrer idolatrischen Praktiken und ihres Mangels an Kultur als 'Naturvölker' konzeptualisiert und damit, ähnlich wie Frauen, Kinder oder Unterschichten, einem (oft mörderischen) Zivilisierungsprozeß unterworfen.

Freilich setzte schon im Mittelalter, verstärkt dann in der Renaissance ein Differenzierungsprozeß ein, an dessen Ende die Naturwissenschaften und die Technik sich als ein neuer Faktor der Kulturentwicklung etabliert hatten und die artes liberales in den Künsten, der Kunstkritik und später den Kunstwissenschaften ihre Nachfolger fanden. Diese Trennung in "zwei Kulturen", wie es C.P. Snow (1967, Kreuzer 1969, Lepenies 1985) nannte, legte einerseits den unumkehrbaren Prozeß von Ausdifferenzierung und Spezialisierung der Wissenskultur zugrunde, der bildungsgeschichtlich zu Gründung des modernen Schul- und Universitätssystems führte. Andererseits führte die damit verbundene höhere Systemkomplexität der Gesellschaften, die nicht mehr theologisch kontrolliert werden konnten, sondern einer offenen, kompetetiven, vorzüglich ökonomischen und politischen, mithin profangeschichtlichen Dynamik folgten, zu zwei neuen Formen von Kulturkritik: nämlich der intellektuellen, basislosen Kulturkritik, wie sie nachhaltig von J. J. Rousseau geprägt wurde, und der Kritik der sozialen Bewegungen, vornehmlich des Industrieproletariats seit dem 19. Jahrhundert. Damit zugleich entstand der bildungsbürgerliche Kulturbegriff, der die 'Kultur' als Distinktionsmerkmal der eigenen Schicht benutzte, zugleich aber umfangslogisch universalisierte (R. Koselleck 1990, A. Assmann 1993, Bollenbeck 1994).

5. Kulturelles Apriori der Natur

Das Entstehen der "zwei Kulturen" macht auch auf ein anderes Problem aufmerksam. Naturwissenschaften wie Naturästhetik verdeutlichen, daß die seit alters der Kultur entgegengesetzte Natur nicht als "Wirklichkeit" gelten kann. Sondern es sind wiederum kulturelle Konstruktionsformen, welche Zugänge zur Natur eröffnen. Naturwissenschaften und Naturästhetik, die uns die Natur präsentieren, sind ihrerseits historische Momente von Kultur. Sie sind 'Kulturtechniken' nichts anders als z.B. die Pflege der Sitten oder des Rechts oder des Körpers. Diese Erkenntnis hat eine auch die früheren Epochen verändernde Sicht zur Folge. Zu keiner Zeit haben Menschen unmittelbar zur Natur gelebt. Jedes Konzept von Natur ist ein Reflex geschichtlicher Kultur. W. Perpeet folgert daraus: "Wissen wir von keiner Welt als in bezug auf den Menschen, so ist diese die von uns eingerichtete und aufgebaute... Immer ist 'unsere' Welt die der Kultur. ... Sie ist eher die erste, als unsere zweite Natur. ... Ist alles menschliche Leben in 'Geschichten' verstrickt, so ist es bereits kulturell verstrickt." (Perpeet 1976, 51)

Dies resultiert aus dem Reflexivwerden von Kultur und Natur in der Neuzeit: es gibt nur ein Apriori ÷ und das ist das historische Apriori der Kultur. Dies meint die berühmte Formel Cassirers: "Die Kritik der Vernunft wird damit zur Kritik der Kultur." (1923, 11) Mensch sein heißt unter den Bedingungen der Möglichkeit von Kultur leben. Kulturtheoretisch ist 'die Natur' ist ein Grenzbegriff, der anzeigt, daß es im Verhältnis zu den Formen ihrer Bearbeitung ein 'Etwas' gibt, das wir bearbeiten: hingegen aber gibt es keine Form der Kultur, welche die 'Natur an sich' präsentieren würde. Die 'schleierlose Natur' ist eine Idee, die gerade kulturell u.d.h. auf immer unzugänglich bleibt.

Auch dasjenige Verhältnis, das Cassirer gegenüber dem wissenschaftlichen Kulturverständnis das "natürliche" nennt, ist nicht 'natürlich' derart, daß darin Natur an sich eröffnet würde. Vielmehr heißt natürliches Verständnis ein Unmittelbar-Sein zu den Formen der Kultur, nicht zur Natur: d.h. 'natürlich' meint, daß die Formen der Kultur nicht reflexiv geworden sind. Zwar gilt, daß wir in der sog. natürlichen Einstellung uns intuitiv orientiert vorfinden und mithin in Umgebungen zurechtfinden. Damit aber sind wir nichtunmittelbar zur Natur, sondern realisierendistanzlos jene kulturellen Formen, deren Funktion darin aufgehen, uns vorab zu orientieren und in den jeweiligen Sphären der Kultur agieren zu lassen (W. Perpeet 1976).

Doch auch im wissenschaftlichen Verhältnis zur 'Welt' befinden wir uns nicht außerhalb, sondern innerhalb der kulturellen Welt. Von einer Welt unter Abzug des Menschen haben wir (ästhetisch aufschlußreiche) Phantasien, aber keine Erkenntnisse.

Dieses 'Nec-plus-Ultra' der Kultur einzusehen, bedurfte es vieler Jahrhunderte. Noch die neuzeitliche Naturwissenschaft begann in der Annahme, daß sie den Weg gefunden habe, die 'Natur an sich' zugänglich zu machen wie einen unbekannten Kontinent. Wie aber ein neuer Kontinent im Augenblick seines Betretens nicht mehr derselbe ist und in den kulturellen Formen seiner Entdecker erschlossen wird, so bedurften auch die "New Sciences" erst der Erschütterung ihrer eigenen 'Natürlichkeit', will sagen: der Einsicht, daß sie Konstruktionen sind. Noch Kant konnte die Naturwissenschaft nicht als kulturelle Form denken; sondern er begründete sie transzendental, d.h. als Erkenntnisform jenseits der Geschichte. Erst Ernst Cassirer analysierte, auf der Grundlage der Erschütterungen der (Newtonschen) Physik im 19. und 20. Jahrhundert, auch die Naturwissenschaften als "symbolische Form", d.h. als Kultur. Erst im 20. Jahrhundert also, in welchem sich das Problem der Natur verschärfte, nämlich als ökologisches, wurde bewußt, daß 'die Natur' ein Kulturproblem darstellt (ohne daß diese Einsicht die Naturwissenschaften wirklich erreicht hätte). Seither ist die Erforschung der Geschichte der Natur ein Feld der Kulturwissenschaft.

6. Kulturelle Kontingenz und historische Anthropologie

In der Aufklärung wurden die Grundlagen der späteren kulturwissenschaftlichen Anthropologie gelegt: das Prinzip "the proper study of man is man" (A. Pope) leitete die Anthropologie an, welche von der Medizin über die Psychologie und Philosophie bis zur Erforschung der Sitten und Gebräuche und zu den Religions- und Ritualformen (Ethnologie) reichte. Hier liegen die Wurzeln der Kulturkomparatistik und ÷ mit der Entdeckung des historischen Denkens durch G. Vico, J.M. Chladenius und J.G. Herder ÷ auch der Kulturentstehungstheorien, der Konzepte über historische Regeln von kulturellen Dynamiken und des Epochen- und Weltbildwandels: wesentliche Momente der Kulturwissenschaft im 20. Jahrhundert. Zwischen Samuel Pufendorf und Herder entwickelte sich die Einsicht, daß 'Kultur' ergologisch (eine Welt künstlicher Objekte), soziativ (eine Welt sozialer Handlungsformen, Normen und Werte), sowie temporal-historisch sei (eine Welt des kontingenten Werdens und Vergehens). Nicht zufällig zu dieser Zeit kreierte J. Chr. Adelung den Begriff der "Kulturgeschichte". Diese 'Geschichte' war noch teleologisch hin auf ein Menschheitsziel gedacht, worin sich der europäische Humanitätsbegriff absolut setzte. So war die Wahrnehmung der vielen Kulturen zwar komparativ, setzte aber in der Vielheit die Einheit und Universalität voraus (Perpeet 1976, Häfner 1994). Diese wirkte noch bis zu nachhegelianischen Formen der Universalgeschichte bei Karl Lamprecht oder Oswald Spengler.

Bereits hundert Jahre vor Herder hatte S. Pufendorf cultura das erstemal ohne Genetiv verwendet (1686) und damit jenen Prozeß eingeleitet, der zur Bildung des "Kollektivsingulars" Kultur führte (R. Koselleck). Dies leitet die epochale Wendung zur Moderne ein, mit der, nach N. Luhmann (1995), erst in vollem Sinn 'Kultur' vorliegt ÷ und wodurch allerst Kulturwissenschaft möglich wurde. Kultur bezeichnet nicht mehr nur Gegenstände der Beobachtung, sondern die Formen und Perspektiven, welche eine Gesellschaft zur Beobachtung von Beobachtern (die traditionell 'kulturproduzierenden' Eliten) ausgebildet hat. Dieser Prozeß ist Teil der die Moderne kennzeichnenden Ausdifferenzierung. Er macht einerseits den Begriff der Kultur zunehmend abstrakt, allgemein und universalistisch, andererseits bezeichnet er das Reflexivwerden substantieller Formen von Gesellschaft. Dies hatte Cassirer im Auge hatte, als er die Ablösung von 'Substanz' durch 'Funktion' vollzog, und wodurch eintrat, was Luhmann Unhintergehbarkeit von Kontingenz nennt. Alle essentialistischen Formen von Kultur lösen sich auf ÷ ein Vorgang, der bis heute anhält. Kultur ist der Begriff, durch den alles als kontingent dekonstruiert wird ÷ aber auch alles (re)konstruierbar wird. Dadurch erst wird Kultur wissenschaftsfähig und mithin Kulturwissenschaft möglich.

Der Begriff von Kultur bezeichnet keine besondere Kultur, sondern ein Verfahren, durch das die kulturellen Praktiken erster Ordnung verglichen, relativiert und reflektiert werden ÷ und die Theoretiker sich selbst reflektieren: diese Rekursivität der Kultur prägt die moderne Kulturwissenschaft, wie sie sich, so verschieden auch immer, seit Heinrich Rickert (1896) und Cassirer, Georg Simmel oder A. Warburg auszubilden beginnt. In der Verwissenschaftlichung der Kultur(en) vollendet sich, was im 18. Jahrhundert mit der Zunahme von Beobachtungshorizonten, der Aufmerksamkeit für Sprache, für Transzendentalität und Konstruktion für kulturelle Formen, für Metatheorie und Ironie (Romantik) auf breiter Front begann. Nach Luhmann kann man erst jetzt eigentlich von Kultur sprechen.

Bis dahin ist man kultiviert ÷ hat einen Stil, eine Manier, eine Etikette, ein Paradigma ÷; von nun an gilt: man mag noch so kultiviert sein, aber hat Kultur zu haben heißt jene Ebene ins Spiel zu bringen, durch die das Kultivierte in reflektierte Vergleichbeziehungen zu anderen Formen von Kultiviertheit gesetzt wird. Kultur ist die Perspektive, die für die Beobachtung von 'Kulturen' im Plural entwickelt wird. Eben dies ist das Definiens von Kulturwissenschaft.

Damit auch das Ende der Paragone der Kulturen erreicht. An dessen Stelle setzt sich das Historisierende und Vergleichende ÷ das heißt die Analyse der Verfahren der Kulturerzeugung selbst. Dadurch wird einerseits alles zur Kultur (Verhalten, Autofahren, Religionen, Verfassung, Chemie, Oper, Alltagsriten, Krankheiten...) und Kultur unerträglich entgrenzt; andererseits ist Kultur nicht mehr eine Quidditas, sondern die Metaebene von Beobachtungsverfahren. Nicht umsonst kommt in den Jahrzehnten zwischen Kant und der Romantik die Reflexion der Reflexion auf (ästhetisch: die Ironie). Das begleitet den Aufstieg des 'genetivlosen' Kulturbegriffs und seine funktionalistische und komparative Operationalität. Alles geht weiter, das Handeln, Glauben, Ritualisieren, Hochhalten und Wertschätzen, Stilisieren und Inszenieren; doch es geht weiter nur unter den Bedingungen der Selbstreflexion. Das Kulturvierte erster Ordnung ist das Kontingente, das in der Kulturwissenschaft (Kultur zweiter Ordnung) reflektiert wird (Luhmann 1995).

Man kann dies für einen Kern der Kulturwissenschaft, nämlich die historische Anthropologie genauer zeigen. Auch sie hat ihre Wurzel im 18. Jahrhundert. ÷ Die Geschichte der Reisen und der Expeditonen ist die wesentliche Quelle der Ethnographie und der im 19. Jahrhundert entwickelten komparatistischen Völkerkunde. Das Prinzip der Feldforschung wird zu einem Forschungsleitbild erst aufgrund dieser Geschichte der Reisenden, die "mit eigenen Augen" gesehen hatten, was sie beschrieben: Autopsie bedarf jedoch selbst der Beobachtung ÷ um den Bedingungen eines nicht-essentialistischen Kulturbegriffs gerecht zu werden (Berg/ Fuchs 1993). Autopsie ist auch ein Prinzip der Medizin, besonders des Anatomie schon seit dem 16. Jahrhundert. Die Medizin wurde im weiteren Sinn zur Grundlage der neuen Wissenschaft der Anthropologie im 18. Jahrhundert. Mit ihr unterhält die Literatur ebenso innige Beziehungen wie sie mit der werdenden Psychologie eine bis zur Verwechslung reichende Verbindung einging: hier geht es um die Dimension des Kulturellen auf dem Feld der scheinbar naturwüchsigen Krankheiten. Aus der Etikette und den Zeremonialwissenschaften entstand eine im Ansatz empirische, auf Beobachtung beruhende, und teilweise bereits historische Verhaltenswissenschaft, die in der Selbstrekursivität des Handelns terminiert. Dazu kann man auch die alten Traditionen entstammende Physiognomik sowie die Ausdruckskunde zählen. Letztere verbanden sich mit der Theorie des Schauspielens, die am deutlichsten die Doppelschleife der Kultur aufweist: die Theorie des Schauspielers ist die Theorie jenes Mediums, durch das eine Gesellschaft sich selbst beobachtet. Nach Jahrhunderten der Unklarheit über die Sex/Gender-Differenzierung (Th. Laqueur 1992) darf das 18. Jahrhundert schließlich auch als der Ursprung gelten einer literarischen wie wissenschaftlichen Reflexion der flüssigen, kulturell kodierten Ordnung der Geschlechter (Claudia Honegger 1991; Bussmann/ Hof 1995) im Gegensatz zur ihrer pseudonatürlichen Physiologie: die kulturwissenschaftliche Geschlechterforschung arbeitet an dieser Ent-Essentialisierung der 'Geschlechter' sich noch heute ab.

Immanuel Kant hatte, um die 'Menschenkunde' gegen die Zuständigkeit der medizinischen, theologischen und juristischen Fakultät abzugrenzen, den Bereich der 'Pragmatischen Anthropologie' abgerenzt und ausgeführt, daß sie die auf das ziele, was der Mensch "als frei handelndes Wesen, aus sich selbst macht oder machen kann und soll (Anthropologie 1798). Damit ist das Konstruktive der Kultur gegenüber dem Essentialismus betont. Physiologische Menschenkenntnis geht auf das am Mensch Gleichartige, nicht das kulturell und individuell Differenzierte, das deswegen einer anderen, nämlich der zivilisatorischen Stilisierung, ja Produktion bedarf: dies bezeichnet die Kultur als Kontingenz. Zwar zielt pragmatischen Anthropologie, als Vorstufe der Kulturwissenschaft, auf "die Perfektionierung des Menschen durch fortschreitende Kultur". Doch diese aufklärerische Wendung steht in Spannung zu der wirkungsvolleren Einsicht, daß das Medium jeglicher Stilisierung des animal rationabile, über seinen animal-Charakter hinaus, eben die Kultur ist: die Sphäre der reflektierten Kontingenz.

Kant sieht Kultur nicht mehr an als Effekt von Gemeinschaftlichkeit (nach der jedermann sich sehnt), sondern als Effekt eines Antagonismus, als "Früchte der Ungeselligkeit, die durch sich selbst genötigt wird, sich zu disziplinieren" (A 397). "Der Mensch will Eintracht; aber die Natur weiß besser, was für seine Gattung gut ist: sie will Zwietracht." (A 394). Kultur ist das "polemogene Feld" (K. Eder 1994) der Überschneidung eines durchgängigen Antagonismus aller Glieder einer Gesellschaft "mit der genauesten Bestimmung und Sicherung der Grenzen der Freiheit, damit sie mit der Freiheit anderer bestehen könne" (A 395). Dieses Überschneidungsfeld von Gegensätzen teilen sich die bürgerliche Verfassung (d.h. das Feld des Staates und des Rechts) und die Anthropologie in pragmatischer Absicht, d.h. die Sphäre der kulturell stilisierten Handlungen.

Auf der Linie von Kant wäre Kulturwissenschaft die Beschreibung, Analyse und Erklärung der historisch entwickelten materiellen und symbolischen Standards von Vermögen und Fertigkeiten aller Art. Sie hätte keine innere moralische Bestimmung, sondern wäre nur deren ermöglichende Bedingung. Sie häten also einen reflexiven Status. Kultur ist bei Kant nicht mit der Idee (ethischer) Bildung verbunden, sondern bezeichnet, ähnlich wie der Begriff in England und Frankreich verwendet wird, den Stand und die Resultate von Kultur als Medien von Künsten, Handwerken, Wissenschaften, Praktiken, Einrichtungen ÷ dies wäre, nach Luhmann, die Beobachtung erster Ordnung; und sie differenziert, ihrem konstruktiven Charakter entsprechend, zugleich eine Reflexionsebene aus: die Beobachtung zweiter Ordnung. Ein Teil derselben stellen, neben den Künsten, die Kulturwisenschaften dar.

7. Kulturwissenschaft als Perspektive

Die aktuelle Diskussion über Kulturwissenschaft(en) ist vielfach dokumentiert (z.B. J. Assmann/ Hölscher 1988; J. Assmann/ Harth 1990; A. Assmann/ Harth 1991; Frühwald u.a. 1991; König/Landsch 1993; Acham 1995; Klein/ Naumann-Beyer 1995; Glaser/ Luserke 1996; Winter 1996; Böhme/ Scherpe 1996; Henningsen/ Schröder 1997 usw.). Die Geschichte der Kulturwissenschaft um 1900 wird aufgearbeitet (z.B. von Bruch/ Graf 1989; Wuttke 1997). Die Ausdifferenzierung des Kulturbegriffs ist nachgezeichnet worden (Brackert/ Wefelmeyer 1984/ 90): Dies ist nachzulesen. Die Lage der Kulturwissenschaft läßt sich danach so skizzieren:

Einigkeit besteht darüber, daß Kulturwissenschaft nur interdisziplinär möglich ist. Doch Interdisziplinarität ist an entwickelte Disziplinarität gebunden, weil sie sonst ohne spezifisches Gegenstandsfeld und ohne charakteristische Fragestellungen operiert, bzw. nur als Diskurs-Moderator oder Lückenfüller an den Rändern der etablierten Fächer auftritt. Darum muß die langfristig tragfähige Begründung der Kulturwissenschaft Vorrang haben.

Neugründungen von Disziplinen sind wissenschaftsgeschichtlich ein normaler Vorgang. Sie geschehen in den Naturwissenschaften regelhaft. Fast alle geisteswissenschaftlichen Fächer sind jung, Gründungen des 19. Jahrhunderts, und in der Regel das Resultat von Modernisierungen der damaligen Gesellschaft. In Gesellschaften mit starkem Dynamisierungsdruck sind Nicht-Neugründungen von Fächern der unwahrscheinliche Fall. Sklerotisierung des Fächer-Kanons ist ein Symptom davon, daß das Wissens-System den Standard von Modernität und Reflexivität, Verzeitlichung und Innovation unterboten hat. Daraus ist das Bedürfnis nach Kulturwissenschaft als Modernisierungsstrategie erwachsen.

In der Wissenschaftsgeschichte gibt es keine Institutionalisierungen ohne Vorgeschichten. Im Fall der Kulturwissenschaft sind dies: das 18. Jahrhundert als protowissenschaftliche Phase historischer Kulturforschung sowie die Gründungskonjunktur einer großen Anzahl neuer Disziplinen zwischen 1870 und 1914, wozu besonders auch die Kulturwissenschaft gehörte. Die Verdrängung der Kulturwissenschaft durch Geistesgeschichte und Nationalsozialismus soll mit der Reetablierung von Kulturwissenschaft zurückgenommen werden. Doch kann die Konzeptualisierung der Kulturwissenschaft nicht durch Rückgang auf deutsche Wurzeln erfolgen, sondern muß zugleich auf die Entwicklungen in den humanities reagieren. Dabei sind folgende Forschungsfelder zu berücksichtigen:

Die kulturwissenschaftliche "Grenzerweiterung" führt zu einer Entprivilegierung der sog. hohen Kultur. Es geht um eine radikale Öffnung des Quellenkorpus (wie sie bereits Warburg übte oder heute der New Historicism und die Cultural Studies praktizieren). Warburgs Forschungen schließen die gesamte visuelle Kultur ein. Neben Bild- und Wortquellen aller qualitativen Grade und medialen Ausdifferenzierung werden auch religiöse, ethnische wie soziale Rituale, Lebenstile, habituelle Muster des Agierens, Objekte materieller Kultur etc. als "gleichberechtigt" anerkannt. Sie zusammen ergeben erst den konstruktiven Rahmen und die Erzeugungsweisen einer Kultur.

Im Zentrum von Kulturforschung stehen die historischen Medien der Erzeugung von kultureller Kommunikation, von Gedächtnis und Weltwahrnehmung. Orale Formen der kulturellen Reflexion werden ebenso als Medien begriffen wie die ausdifferenzieten Techniken der Schriftkultur und schließlich die auf komplexen technischen Konfigurationen beruhenden Medien des Printsektors, der visuellen Massenmedien und der computergestützten Kultur, die sämtliche audiovisuelle Medien in sich absorbiert und transformiert. Die kulturwissenschaftliche Bildforschung nimmt einen besonderen Status ein. Die Bild-Künste und die modernen visuellen Medien bilden nämlich das Archiv "der historischen Psychologie des menschlichen Ausdrucks" (Warburgs), der Codierung der Gefühle, der Phantasien und Beziehungsformen. 'Bilder' meinen hier nicht nur Zeugnisse der Bildkünste, sondern auch körperliche Bewegungsfiguren, performative soziale, d.h. relativ stabile, mit Obligation versehene, augenfällige Rituale und Habitus, codierte Gestalten der Affekte und des Agierens. Sie alle, weil sie eine epochenspezifische visuelle Semantik aufweisen, sind den historischen Bild-Künsten eher 'abzulesen' als den weniger energetisch gesättigten Schriftzeugnissen einer Kultur.

Die Erforschung des kulturellen Gedächtnisses meint weder bloße Rezeptionsgeschichte noch museale Präsentation oder memoriale Speicherung. Mit Gedächtnis ist ein grundlegender Kulturmechanismus der Selbstbeobachtung von Gesellschaften gemeint ÷ einerseits die performative Macht von oft weit zurückliegenden Vergangenheiten an historischen Bruchstellen, in denen 'Neues' sich zu bilden versucht; und andererseits die permanente Neucodierung des Erinnerungshorizonts der Gegenwart, weil anders als präsentisch dieser sich überhaupt nicht konstituieren könnte. Die Prägnanz von Erinnerung heißt nicht, daß aus dem Gedächtnis ein Wissen abgerufen, sondern daß das Vergangene verkörpert wird (embodiment). Kultur ist "das Gedächtnis sozialer Systeme" (Luhmann), aber nicht in der Form räumlicher Speicher, die zu 'betreten' und zu 'verlassen' wären, sondern eines unterbrechungslosen, rekursiven Löschens und Vergegenwärtigens bedeutsamer Symbole, durch welche die Kontingenz des Augenblicks reflexiv wird.

Eine besondere Aufmerksamkeit erfährt die Geschichte des Körpers und körpernaher Praktiken. Das meint hier nicht nur die Geschichte der Sinne und sinnlichen Wahrnehmungsformen, sondern auch der eloquentia corporis, der Rhetoriken, Semantiken und Topiken körperbezogener Ausdrücke und Habitus, also der zu Bildern und Figuren geronnenen Überschneidungen, die zwischen den Polen von unkommunizierbaren Affekten und komplexen Codierungen der Verkörperung charakteristische kulturelle Muster darstellen. Diese nennt Warburg "Pathosformeln". Die Erforschung von Pathosformeln entspricht dem, was wir heute auch Mikrohistorie nennen, oft aber dem, was eine longue durée oft über mehrere historische Epochen hinweg aufweist. Selbstverständlich gehört in dieses Feld auch die Genus-Forschung, die kulturell variablen Konstruktionen von Lebensaltern und schichten- und regionalspezifischen Handlungsstilen.

Der ubiquitäreSynkretismus der Kulturen ist der Grund, warum das kulturwissenschaftliche Quellenkorpus nicht nur hinsichtlich der Medien und ästhetischen Normen, sondern auch "stofflich" und "räumlich" erweitert werden muß. Ersteres heißt die Erweiterung der Kulturgeschichte um Psychohistorie, Religionswissenschaft, Kulturanthropolgie, Philologie, Ethnologie. Und "räumliche" Erweiterung heißt, daß die Kulturwissenschaft die "Wanderungs-bewegungen" und Überschneidungsmuster von Präge- und Memorialformen, von religiösen und moralischen Gebräuchen, von Lebenstilen und rituellen Praktiken, von Wissensstrategien und Handlungsrastern an jeder Stelle eines Kulturraums und in jedem Augenblick einer kulturellen Epochen berücvksichtigen wird. Hierzu gehören die neuen Richtung des cultural mapping, das sich besonders für postkoloniale Mischkulturen bewährt hat (u.a. Bhaba 1994). Dabei löst sich der Eurozentrismus ebenso auf wie andere kulturalistische Fundamentalismen. Der Synkretismus erweist sich als die Form, welche dem kontingenten Assemblagecharakter aller Kulturen am ehesten gerecht wird. Auch Europa ist eine historisch ausdifferenzierte Figur von kulturellen Austausch-, Wanderungs- und Interferenzprozessen. Es hat keinen 'Ursprung', der Einheit und Homogenität noch in der Differenz garantiert. Diese kulturelle, synkretistische Dynamik hat keine immanente Entwicklungslogik, wohl aber erzeugt sie pausenlos normative Ziele, die in ihren Konjunkturen und Streuungen den kontingenten Charakter von Kulturen reflexiv werden lassen könnten.

Neben der Beziehung auf die gut entwickelte Kultursoziologie und Kulturgeschichte ist besonders die noch junge Kultursemiotik von Wichtigkeit. Hiernach ist 'Kultur' ein symbolischer oder textueller Zusammenhang, ein Textuniversum, in welchem sich einzelne kulturellen Momente, als Texte, immer nur durch ihren Kontexte bzw. eine Fülle von Kontexten erschließen. Die kulturelle Realität wird mithin als Text oder Zeichen verstanden, als ein gewaltiges Gewebe, eine Textur, die ÷_ im historischen Querschnitt _÷ in ihrer topographischen Verteilung, Vernetzung und Struktur, im zeitlichen Längsschnitt dagegen als ein langwelliger, sich langsam wandelnder, transsubjektiver, gleichwohl hergestellter, darum immer neu interpretierbarer und entzifferbarer Bedeutungszusammenhang aufgefaßt wird. Sprache, Medien, Bilder, Symbolbildungen aller Art, Orientierungsmuster, kollektive Imaginines. Artefakte, selbst Institutionen werden als unterschiedliche, konfligierende wie systematisch ausdifferenzierte, machtgestützte wie subversive Codierungen ausgelegt, die konstitutiv für die gesellschaftlichen Wirklichkeiten seien. Hiernach ist Kulturwissenschaft keine Handlungswissenschaft, sondern ein bedeutungsgenerierendes Verfahren, das sozial signifikante Wahrnehmungs-, Symbolisierungs- und Kognitionsstile in ihrer lebensweltlichen Wirksamkeit analysiert. Die Medien sind auch hier zentral, da sie die kulturelle Semantik von Gesellschaften sowohl erzeugen wie distributieren. Im historischen Rückblick differenzieren die Medien sich aus oralen Kommunikationen nacheinander aus und bilden in modernen Gesellschaften, die durch das Nebeneinander mehrerer Medien geprägt sind, einen komplexen, subsystematisch geliederten, von technischen Innovationen verangetriebenen Prozeß. Kultur erscheint als ein Prozeß fortschreitender reflexiver Semantisierung, durch welche ununterbrochen Sinnressourcen geschaffen und distribuiert, aber auch subvertiert und zerstört werden. Auf diesem Feld führt die Kulturwissenschaft die Medienforschung und die Kultursemiotik mit Ansätzen zusammen, welche die "Kultur als Text" oder eine "Poetik der Kultur" voraussetzen.



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