Hartmut Böhme: Natur und Subjekt. Frankfurt am Main 1988.
Vorwort


Vorwort


Die Abdankung des Subjekts und die Verabschiedung der Natur scheinen heute besiegelt. Dabei spielen die poststrukturalistischen Philosophien, die beides als Metaphysik oder bloße Erzählung kritisieren, keine ursächliche, sondern eine eher symptomatische Rolle. Die Verdrängung der Natur und des Subjekts sind das langfristige Ergebnis gesellschaftlicher Entwicklungen, auf die Philosophie und Kunst entweder erinnernd und verteidigend oder radikalisierend und verstärkend reagiert haben. Bestenfalls zeigen sie an und reflektieren kritisch, was geschieht. In der Rede vom Schwinden des Ich und dem Sterben der Natur sind historische Prozesse getroffen. Sich am Ausverkauf dieser beiden zentralen Begriffe traditionellen philosophischen Denkens zu beteiligen, weil frisch erklärter Inhumanismus und absolute Artifizialität Konjunktur haben, trifft weder die Substanz der Subjekt-Philosophie noch die ö ungleich schwächere ö Tradition der Naturphilosophie. Sollte das individuelle Dasein der Menschen, die Möglichkeit, sich als Subjekte zu bilden, wirklich gegen Null tendieren, mit Musil zu sprechen: die Zukunft also darin liegen, daß die Person zum Schnittpunkt des Unpersönlichen verkümmert, sollte die Natur, als Raum des Lebens, zu dem als dessen Bedingung die anorganische Natur gehört, wirklich, wie Carolyn Merchant meint, vom Tod bedroht sein ö: dann ist es kaum eine originelle Haltung, sondern allenfalls fröhlicher Zynismus, dem solchermaßen kläglich Endenden die Deklaration des Endes als letzten Akt des abendländischen Metaphysik-Spektakels nachzusenden.

Im mittleren Größenraum, den der Mensch bewohnt und bearbeitet, in einem Verständnis, wie es von den Vorsokratikern bis zu Ernst Bloch reicht, von Natur zu sprechen, als könne man auf sie die Unaufhörliche und Reiche, zurückkommen, ist tatsächlich ebenso obsolet geworden wie die Rede vom Subjekt in Großorganisationen, im Verkehr oder im Krieg. Ursprüngliche Natur ist so wenig wiederzugewinnen wie das authentische Subjekt ö wenn es beide denn je gegeben hat. Natur ist historisch umgearbeiteter und gestalteter Lebensraum, den jede Generation neu als mangelhaft empfunden hat; das Ich (Identität) ist historisch erzeugtes, soziokulturell stilisiertes und funktional differenziertes Produkt, nicht Ursprung des Handelns. Natur und Subjekt sind Erzeugnis und Leistung,historisch zu entschlüsseln, aber nicht durch die Magie des Ursprungs zu zitieren.

Die hier vorgelegten Aufsätze versuchen, dieser Ausgangslage zu entsprechen. Zwischen den Bezauberungen der Ursprungsmythologien ö Natur als Schöpfung; Subjektivität als "Wesen" des Menschen- und den Hypertrophien der Subiekt-Philosophie, die in verkürzte Rationalität ihr Zentrum setzt und von dort das Ganze der Natur als ihr Reich wie den Besitztitel eines Souveräns aufschlägt: zwischen diesen ebenso falschen wie wirkungsmächtigen Traditionen war dem historischen (Maulwurfs)-Gang des Subjekts und der Natur nachzugehen. Dieser Wendung zurück in die Geschichte entspricht, daß vorderhand keine Chance darin gesehen wird, Spielräume auf kleinstem gemeinsamem Nenner für die kommunikativen Fähigkeiten des Menschen zu suchen ö unter den Bedingungen zunehmend perfekterer Technisierung und Medialisierung der sprachlichen und vor allem visuellen Austauschprozesse. Es gibt diese Spielräume, sie sollten auch verteidigt werden, auch wenn sie, beim Stand der Dinge, Luxus einer Minderheit sind Ebensowenig wird in den Hohlräumen und Widerspruchszonen, den Relais- und Steuerräumen der sozialen Systeme nach Bedingungen funktionaler Innovationen, Differenzierungen und Optimierungen geforscht. Darin will jemand, der von der Kunst und Kulturgeschichte her sich der Philosophie nähert, seine Aufgabe nicht sehen.

Der Blick zurück sucht den Anschluß der Erinnerungen an die Gegenwart. Das ist heute in der Tat schwer, weil Erinnerungen vor der Macht eines neuen GegenwartsAbsolutismus ins Bodenlose fallen. Von der Psychoanalyse wird der Begriff der Verdrängung übernommen. Damit ist zumeist die Abspaltung lebensgeschichtlicher Erfahrungen und Erinnerungen im Dienst der Aufrechterhaltung anders nicht haltbarer bewußter Selbst-Bilder gemeint. Hier aber soll Verdrängung auch die Abspaltung kultureller Traditionen im Dienst der Aufrechterhaltung eines eingespielten sozialen Konsenses meinen. Obwohl Erinnerungen beides, das Selbstbewußtsein wie den sozialen Konsens, reicher machen, sind sie störend. Deswegen werden ständig erhebliche Energien aufgebracht, die lebensgeschichtlichen oder kulturellen Gehalte, die mit dem Diktat des Vergessens belegt sind, unter der Schwelle der Wahrnehmung zu halten. Das Verdrängte ist dabei durchweg selbst energiegesättigt: ein dauerndes, drängendes Pochen an den Pforten der Wahrnehmung. Im Subjekt kann das Verdrängte mit Zeichen der Nicht-Zugehörigkeit und des Fremden belegt werden ("das bin Ich nicht"): es bilden sich die Zonen, die Freud treffend "inneres Ausland" nannte. In einer Kultur kann das Verdrängte "ausgelagert", ghettoisiert oder exkommuniziert werden: es überlebt, oft verzerrt und verkrüppelt, in sozialen und kulturellen Randzonen, in Minderheiten, die den Preis des Irrationalen zahlen und auf eine ihnen oft selbst undurchsichtige Weise zu Trägern des Vergessenen und Vergangenen werden.

Die philosophischen und ästhetischen Traditionen, von denen in diesem Band die Rede ist, finden sich heute fast sämtlich, auf zumeist unreflektierte Weise, in den Überzeugungen von Minderheiten wieder, die gegen den main-stream einer von wissenschaflicher Rationalität beherrschten Gesellschaft ankämpfen. Man kann an alternative Heil-Konzepte denken oder Körper-Therapien; an New Age, Astrologie- und Okkultismus-Zirkel, an Remythisierungen der Natur und des Leibes; an die phantasy-Kultur und die Neoromantik; an die zeitweise verbreitete Heroisierung des Wahnsinns und der Drogen-Reise, worin kritische Potentiale entdeckt wurden; an die neue Lust der Perversionen, die als Kritik des sexuellen Flachlandes sich gibt; an die artistische Indifferenz als Identitätsmuster oder die apokalyptische Angstlust; an das verquere Wiederbeleben der Naturwissenschaft Goethes und der Romantiker oder die Resurrektion der Physiognomik in der Encounter-Szene; an grüne Natur-Bewahrung und schwarze Messen. Man muß nicht das "Tao der Physik" bemühen; nahezu jede kritische oder ausgegrenzte Minderheit findet auch innerhalb der europäischen Überlieferung ideologische Deckung.

Diese Überlieferungen selbst aber, besonders nicht als unbewußt zitierte, können keine angemessenen Antworten auf Probleme und Krisen der technisch-wissenschaftlichen Kultur enthalten. Doch alle zusammen, in ihrer eigenartigen Vergegenwärtigung, bilden das zerstreute und zerfranste, durch Ungleichzeitigkeiten, Sprünge und Konjunkturen geprägte, uralt-jüngste Bild eines Widerstands gegen diese Zivilisation, das Bild auch einer Sehnsucht, die den Zerstörungen und Entfremdungen der Moderne zu entkommen strebt.

Erinnerungen also, nicht Lösungen sucht dieses Buch, in der Überzeugung, daß das Vergessen zu den Ursachen der gegenwärtigen Ungelöstheiten gehört. Erinnerungen haben immer auch den Sinn, das Vergangene im Gegenwärtigen sichtbar zu machen. Die Erinnerungslosigkeit der Gesellschaft nimmt in einem Maße zu, das im eklatanten Mißverhältnis zu ihrer Erneuerungsbedürftigkeit steht. Es gibt jedoch keine Erneuerung im Zustand der Verdrängung und des Vergessens. Dies ist ein Zustand der Verdunkelung des gegenwärtigen Selbstverständnisses; er ist nicht kritik- und differenzierungsfähig; er ist blockiert in der Wahrnehmung und Entscheidung der dringenden naturpolitischen und sozialen Problemlagen. Jedes Erinnern, das dem Vergangenen das Unabgegoltene ebenso abgewinnt wie es das Erinnerte als niemals wiederkehrendes, vielleicht niemals gewesenes Leben zu verabschieden weiß, ist ein Gewinn an Zeit: offenerem Horizont. Verschließt die Verdrängung das Vergangene, so damit auch die Zukunft: das ist der Preis, der unweigerlich zu entrichten ist.

Blockierend für den Prozeß des Erinnerns hat sich in der Moderne vor allem auch die Instanz erwiesen, die alles Licht für sich in Anspruch nahm: die Rationalität. Sie ist weit davon entfernt die Verdrängungsleistungen, die zu ihrer historischen Bildung und Durchsetzung notwendig waren, in einem Akt der Selbsttherapie ö in der Form philosophischer Selbstkritik ö aufzuheben. Vernunft ist deswegen ein spastisches Gebilde: verkrampft vom Sich-Zusammenhalten, Indiz einer Angst vor dem, was zentrifugal ist, was sie nicht selbst sein kann oder was als ihr Anderes sie ausgegrenzt hat; verkrampft aber auch im Festhalten an einer Macht, die ihr nicht von selbst, sondern durch den Prozeß der zivilisatorischen Zurichtung des Menschen zufiel, einer Macht die, monopolisiert, in weiten Teilen angemaßt und darum Rechtfertigung ist. Notwendig ist eine Distanzierung von Vernunft durch diese selbst ö und ein, bescheidener, Weg dazu ist die Erinnerung an die Konzepte von Natur und vom Menschen, die im Zuge rückstandsloser Rationalisierung geopfert wurden. Die Verwebung zwischen Subjektgeschichte und Naturgeschichte, die in den folgenden Studien sich durchweg zeigt, will die bis zur Fremdheit und Feindschaft getriebene Spaltung zwischen beiden Mensch und Natur, als den vielleicht unvermeidlichen, aber falschen Gang der Geschichte einsichtig machen.


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